Logo-Kreis Dannhäuser: Einführungsreferat 
 
Landeskongress Schulsozialarbeit 15. Januar 2005,
Georg – Simon – Ohm – Fachhochschule Nürnberg


Einführung

Dr. h.c. Albin Dannhäuser

Sprecher des Forum Bildungspolitik in Bayern


Anrede,

derzeit erleben wir in Bayern eine ungewöhnlich heiße Schuldiskussion - vor allem zum gravierenden Lehrermangel und als Reaktion auf  erneut alarmierende Befunde der PISA-Studie II. Das konnten wir nicht vermuten als wir diesen Kongress terminiert haben. Aber wie jeder unterstellen kann, legen wir mit unserer heutigen öffentlichen Wortmeldung weitere Kohlen ins Feuer. Das ist auch notwendig, denn das Anliegen der Schulsozialarbeit ist bisher aus der aktuellen schulpolitischen Auseinandersetzung ausgeblendet. Das können wir als Forum Bildungspolitik in Bayern nicht zulassen.

Tatsächlich sind viele Leistungsmängel bei unseren Schülerinnen und Schülern verursacht durch Störungen in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung und in ihrem Lebensumfeld, aber auch durch Störungen im Schulsystem. Unser Tagungstermin könnte also kaum günstiger liegen, um erneut auf diese öffentliche und politische Wahrnehmungslücke aufmerksam zu machen – und uns Gehör zu verschaffen.


Das Forum Bildungspolitik in Bayern
Dies ist uns auch bisher in einer Reihe übergeordneter Bildungs- und Erziehungsfragen gelungen. Denn das Forum Bildungspolitik in Bayern ist ein starkes Bildungsbündnis aus Organisationen der Schüler-, Eltern- und Lehrerschaft, der Jugendarbeit und bildungspolitisch tätiger Vereinigungen.Von 1991 bis heute ist unser Bündnis auf 29 Organisationen angewachsen. Wir haben erkannt, dass wir unsere Kräfte bündeln müssen, um Innovationen und Verbesserungen im Bildungs- und Erziehungswesen voranzutreiben.


Worum geht es uns heute?
Um Verbesserungen in der Schulsozialarbeit herbeizuführen, haben wir uns  wiederholt und zuletzt im März 2004 in entsprechenden Petitionen an den Bayerischen Landtag gewendet. Einige Teilziele haben wir erreicht. Aber die Entwicklung stagniert. Diese Stagnation muss überwunden werden, denn der Bedarf an Schulsozialarbeit nimmt unaufhaltsam zu. Tatsache ist, dass immer mehr Kinder und Jugendliche größere Lebensprobleme haben als Lernprobleme (H. v. Hentig).


Veränderte Familienkonstellationen
Bedenklich sind die sozialen Verwerfungen und die Veränderungen der Familienkonstellationen: Immer mehr Kinder und Jugendliche sind konfrontiert mit Scheidungs- und Heiratsketten, mit Fortsetzungsehen, Mehrelternfamilien oder Patchwork-Familien. Die Zahl der Ein-Kind-Familien wächst ebenso wie die Zahl der Alleinerziehenden. Gleichzeitig nimmt die Armut von Kindern erschreckende Dimensionen an: Sozialverbände befürchten, dass es in Deutschland bis Ende 2005 rund 1,6 Millionen Kinder geben wird, deren Familien an der Armutsgrenze leben.

Sechs bis acht Prozent der Jugendlichen aus deutschen Familien und rund ein Drittel der Jugendlichen mit Migrationshintergrund erleben Gewalt in ihrem Elternhaus.Die Bereitschaft zur Gewalt ist unter vielen Jugendlichen ebenso virulent wie Alkohol- und Drogen-Missbrauch. Die Tatsache, dass das „Koma-Saufen“ auch bei den Gymnasialschülern in Mode ist, zeigt, dass Schulsozialarbeit eine Aufgabe ist, die weit über die Pflichtschulen in sozialen Brennpunkten hinaus geht.


Schüler/innen ohne Abschluss
Alarmierend ist auch die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die massiv mit schulischen Problemen zu kämpfen haben:

In Bayern verlassen zehn Prozent eines Jahrgangs die Schule ohne Abschluss. Sechs Prozent davon kommen allein aus der Hauptschule. Bei den ausländischen Jugendlichen erreichen 22,3 % keinen Schulabschluss, bei den ausländischen männlichen Jugendlichen sind sogar über 26 %. Für leistungsschwächere Schüler wird es zunehmend schwieriger überhaupt einen Ausbildungsplatz zu finden.

Nach einer Studie des Münchner Jugendinstituts gelten fünf bis zehn Prozent aller Schülerinnen und Schüler als aktive Schulschwänzer.

Diese wenigen Schlaglichter auf dunkle Stellen der Lebens- und Schulsituation von Kindern und Jugendlichen zeigen, wie dringend diese auf Hilfe und sozialpädagogische Betreuung angewiesen sind. Kurz: Schulsozialarbeit ist unverzichtbar, wenn der Bildungs- und Erziehungsprozess gelingen soll.


Versorgung mit Schulsozialarbeit in Bayern mangelhaft
Gleichwohl fehlt es in Bayern am notwendigen Fachpersonal. Deshalb müssen Lehrerinnen und Lehrer die wichtige und notwendige Aufgabe der Schulsozialarbeit ohne Hilfe leisten und zusätzlich zum Unterrichtsdeputat.


Leere Versprechen der Staatsregierung?
Die Staatsregierung hatte im Jahr 2002 angekündigt, innerhalb der nächsten zehn Jahre 350 neue Stellen für Sozialpädagogen/innen zu schaffen. Diese Zusage erweist sich nun als leeres Versprechen. Denn bisher wurden zwar 80 Stellen geschaffen, aber der weitere Stellenausbau wurde im Doppelhaushalt storniert.Wenn im März dieses Jahres im Bayerischen Landtag keine positive Entscheidung zu Gunsten der Schulsozialarbeit getroffen wird, so hieße das: Das Versprechen, 35 neue Stellen pro Jahr über 10 Jahre zu schaffen, würde bereits nach 2 Jahren wieder gebrochen und dem Sparzwang geopfert.

Nachteilig wirkt sich auch die Begrenzung der Schulsozialarbeit auf Hauptschulen und Förderschulen mit Hauptschul- bzw. Berufsschulstufe aus. Aber selbst wenn die zugesagten 350 Stellen planmäßig eingerichtet würden, stünde noch nicht einmal jeder vierten dieser Schularten ein Sozialpädagoge zur Verfügung.

Falsche Sparpolitik
Als instabil erweist sich auch die gegenwärtige Mischfinanzierung der sozialpädagogischen Fachkräfte. Die Zuschüsse für die Kommunen aus dem Europäischen Sozialfond sind zeitlich ebenso befristet wie ABM-Kräfte des Arbeitsamtes. Das heißt: Eine kontinuierliche und nachhaltige Schulsozialarbeit kann nicht geleistet werden. Kurz: Die Versorgung in der Schulsozialarbeit ist völlig unzureichend. Und: Es wird am falschen Ende gespart!

Diese Sparpolitik wird allerdings in absehbarer Zeit dem Gemeinwesen teuer zu stehen kommen. Wenn Jugendliche nicht ausbildungsfähig oder -willig sind, können sie sich nicht einbringen im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben. Damit belasten sie nicht nur  die Sozialsysteme, sondern sind auch politisch anfällig für radikale Strömungen, weil sie sich von unserem Gemeinwesen ausgegrenzt fühlen.

Wie ertragreich – auch in finanzieller Hinsicht – Schulsozialarbeit ist, zeigt ein einfaches Zahlenbeispiel: Die volle Stelle eines Sozialpädagogen kostet rund 46.000 Euro im Jahr. Dagegen entstehen Kosten für eine Einzelmaßnahme, die der einzelnen Jugendliche erfährt, von 73.000 Euro jährlich.

Deshalb appellieren wir eindringlich: Es müssen angemessene Hilfen zur Verfügung stehen, damit alle jungen Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gestärkt werden und  allen die schulische und gesellschaftliche Integration möglich wird. Es besteht vordringlicher Handlungsbedarf.



Forum Bildungspolitik setzt in der Schulsozialarbeit klare Maßstäbe und Prioritäten:
  1. Das Angebot an Schulsozialarbeit ist an allen Schulen deutlich auszubauen. Wir fordern, dass das zugesagte Kontingent von 350 Stellen planmäßig geschaffen wird.

  2. Grundsätzlich muss jede Schülerin und jeder Schüler Anspruch auf Schulsozialarbeit haben. Schulsozialarbeit dient der Prävention; sie muss also mehr sein als eine nur kurzzeitige Intervention im Krisenfall. Sie darf sich nicht nur an Defiziten orientieren.

  3. Schulsozialarbeit darf sich auch nicht nur auf Brennpunktschulen konzentrieren. Dies würde zur Stigmatisierung der Schulen und der Schulsozialarbeit führen. Ziel muss das Angebot in allen Schularten und die flächendeckende Versorgung sein.

  4. Schulsozialarbeit ist mehr als „Jugendsozialarbeit an Schulen“ bzw. Kooperation mit der Jugendhilfe. Lernen und Leben gehören zusammen. Deshalb plädieren wir für eine „sozialpädagogische Schule“.

  5. Schulsozialarbeit sollte in der Verantwortung des Kultusministeriums stehen.

  6. Die Dienst- und Fachaufsicht in allen schulischen Fragen muss in den Händen der  Schulleitungen liegen. Die konkrete Ausgestaltung der pädagogischen Arbeit liegt in der Eigenverantwortung der sozialpädagogischen Kraft.

  7. Schulsozialarbeit braucht Kontinuität. Notwendig ist ihre langfristige finanzielle Absicherung. Deshalb muss die staatliche Förderung aufgestockt werden.

  8. Es ist ein jährlich wachsender Fördermitteltopf einzurichten, aus dem Schulen auf Antrag langfristig mit 50 % bezuschusst werden. Der Topf soll im ersten Jahr 5 Millionen Euro umfassen und jedes Jahr um diese Summe wachsen, bis alle Schulen, die einen Antrag stellen, versorgt sind.


Anrede,
unsere Vorstellungen und Forderungen zur Schulsozialarbeit sind nicht maßlos. Sie leiten sich ab aus unserer Verantwortung für die bestmögliche Bildung und Erziehung junger Menschen. Aus dieser Verantwortung heraus nehmen wir alle Verantwortlichen in Gesellschaft und Politik in die Pflicht.

Forum Bildungspolitik in Bayern

Wir über uns
Unsere Geschichte
Mitgliedsorganisationen
Positionen
Veranstaltungstipps
Suche
Impressum/Kontakt