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Positionspapier

Freie Arbeit und offener Unterricht
 

Das neue Lern- und Arbeitsverständnis für eine kindgemäße, lebensnahe Schule




1. Was ist Freie Arbeit und Offener Unterricht?

Freie Arbeit und Wochenplanarbeit

Auch Freiarbeit ist strukturierter Unterricht. Lehrer erklären neue Lerninhalte allen Schülern gemeinsam. Sie vertiefen die Erklärungen jedoch in kleinen Gruppen und schließlich für Einzelne. Sinnvoll angebotenes Lern- und Arbeitsmaterial motiviert zur selbständigen Auseinandersetzung mit dem Lernstoff und reizt zu selbständiger Arbeit. Schülerinnen und Schüler können nach einem Wochenplan arbeiten, der die Themen für die Freie Arbeit enthält, mit Angaben über adäquate Lernmittel. Dieser Wochenplan kann auch Elemente enthalten, die die Schüler selbst einbringen, deren Form sie selbständig gestalten.

Im Klassenzimmer, das einzelne ‘Arbeitsecken’ anbietet, stehen Lernmittel bereit, die zur Bearbeitung der Aufgaben im Sinne von Anschaulichkeit, praktischer Erprobung und entdeckendem Lernen notwendig sind. In den Freiarbeitsstunden arbeiten die Schülerinnen und Schüler selbständig nach dem Wochenplan, alleine, mit Partnern oder in Gruppen, holen sich Hilfe, wenn sie diese brauchen und helfen anderen, wenn diese Hilfe brauchen. Darüber hinaus bleiben Freiräume für persönliche Neigungen, Interessen und gemeinsame, projektorientierte Vorhaben.
 

Das Klassenzimmer verändert Funktion und Aussehen

Das Klassenzimmer ist ein anregender und wohnlicher Lern- und Arbeitsraum mit flexibler Sitzordnung, differenziertem Arbeitsmaterial, mit Arbeitsecken (Experimentier-, Lese-, Deutsch-, Mathematik-, Kunstecken), mit Interesse-Tischen, Bücherregalen, Pflanzen, Aquarium etc. Die Schüler können auf vielfältige Weise an die aufgeworfenen Probleme und Themen herangehen und sich auseinandersetzen.

Der Lehrer / die Lehrerin braucht Unterstützung bei der Bereitstellung der Arbeits-materialien und notwendigen Möbel, zum Beispiel durch neu organisierte Verteilung der zugewiesenen Haushaltsmittel, durch Teamarbeit im Kollegium und mit Eltern, durch die Schulleiter. Auch Kinder tragen zur Gestaltung ihres Klassenzimmers bei. Sie sind für die Pflege und Ordnung mitverantwortlich.

Die Umstellung von einem Klassenzimmer des Frontalunterrichts zu einem Lern- und Arbeitsraum im Sinne der Freien Arbeit erfordert zweifelsohne viel Engagement. Ausschlaggebend ist jedoch nicht die perfekte Fülle angebotenen Arbeitsmaterials, sondern die Bewusstseinsänderung der Lehrerinnen und Lehrer, die erfinderisch macht.
 

Ein neues Selbstverständnis von Lehrerinnen und Lehrern

Sie sind verantwortlich für den Lernprozess ihrer Schüler und 
nicht nur für eine festgelegte Wissensmenge.

Das ist eine weit größere - aber im eigentlichen Sinne pädagogische Verantwortung. Öffnung bedeutet, persönliche Beziehungen zu den Schülern in ihrer je gegenwärtigen Lebens- und Lernsituation herzustellen. Öffnung bedeutet Zusammenarbeit mit Kollegium, Eltern und Einbeziehung der Schulgemeinschaft.

Lehrerinnen und Lehrer unterstützen die Schüler dabei, ihrer Lust und Freude an persönlicher Leistung, an individuellem Lernfortschritt und am Erfolgserlebnis nachzugehen. Sie lassen es zu, dass diese beim Lernen miteinander in Kontakt sind, einander unterstützen und sich im Team forschend mit den aufgeworfenen Fragen befassen. Die daraus resultierende pädagogische Leistungsmessung kann sich nicht an der Messlatte einer ‘objektiven’ Durchschnittsleistung orientieren. Freude am Lernen und Leisten ist Motivation für alle.
 

Möglichkeiten und Grenzen

Dem Klassenlehrerprinzip muss in allen Schularten Vorrang eingeräumt werden. Lehrerinnen und Lehrer brauchen größere Entscheidungskompetenz. Vertrauen, Selbstverantwortung und Kreativität sind Grundelemente schulischen Lebens, nicht Kontrolle und Gleichschritt.

Wenn Freies Arbeiten und Offener Unterricht vom ersten Schuljahr an bei allen Kindern positive Grundhaltungen dem Lernen gegenüber aufbauen, kann in den weiterführenden Schulen das Spektrum erweitert werden. 

Der 45-Minuten-Takt erschwert freies und aktives Lernen. Unflexible, unpädagogische Leistungsmessung stört den Aufbau von Selbstvertrauen und Selbstverantwortung. Mehr als 25 Schüler pro Klasse erschweren diesen - wie jeden - Unterricht. Zu viele Kinder, die Schwierigkeiten mit sich selbst haben, machen freies Arbeiten schwer. Zu kleine Klassenzimmer verhindern die notwendige Bewegungsfreiheit, und man kann sie nicht mit Arbeitsecken zum selbsttätigen und handlungsorientierten Lernen und Arbeiten ausgestalten.
 
 

2. Warum Freie Arbeit und Offener Unterricht?

Kinder brauchen aktive Betätigung

Tätiges Lernen in der Schule heißt: Alles, was die Schülerinnen und Schüler selbst tun können, sollen sie auch selbst tun dürfen. Nicht ‘vorgekautes’ Wissen, das man auswendig lernt, bleibt im Gedächtnis. Viel mehr haften solche Zusammenhänge, die durch eigenes Tun, durch praktische Erfahrung erworben werden.

Kinder lernen mit allen Sinnen und wollen sich die Dinge aktiv aneignen. Jugendliche brauchen die Bewährung im ‘Ernstfall’.
 

Selbstverantwortliches Lernen stärkt die Person

Wer für seinen Lernfortschritt selbst Verantwortung übernimmt, stärkt sein Selbstwertgefühl. Kinder und Jugendliche müssen ihre Kräfte einschätzen und ihre Stärken und Schwächen annehmen lernen, wenn sie den für sie richtigen Weg einschlagen sollen. Selbstverantwortung lernen sie nur, wenn sie für ihr Lernen und ihre Arbeit verantwortlich sind.
 

Kooperation und soziales Lernen fördern die geistigen und seelischen Kräfte

Gemeinsame Aktivitäten, gemeinsame Auseinandersetzung mit dem Lernstoff fördern seelisches Wohlbefinden. Und nur wenn sich der Mensch wohlfühlt, kann er gut lernen. Konkurrenz hingegen zerstört die Gemeinschaft und vereinzelt die Kinder. Kooperation und Teamarbeit sind nach Aussage vieler Fachleute im Wirtschaftsleben die Arbeitsform der Zukunft. In der Schule sind diese Arbeits- und Lernformen noch wichtiger, weil Kinder besonders aufeinander bezogen sind, und ihr Wohlbefinden Grundbedingung des Lernens ist.

Wie man in Gruppen miteinander umgeht, sich behauptet und die anderen akzeptiert, muss gelernt werden. Das geht nicht, wenn jeder für sich um gute Noten kämpft. Gemeinsames Lernen macht es möglich, sich in andere hineinzuversetzen, dem anderen zu helfen, aufeinander Rücksicht zu nehmen, einander wechselseitig anzuregen.
 

Kinder und Jugendliche müssen das Lernen lernen

Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, komplettes Wissen erwerben zu können. Das können Computer besser speichern als wir. Unsere Kinder müssen daher lernen, wie sie sich das für sie notwendige Wissen aneignen können. Sie müssen in der Schule das Lernen lernen. Das geht durch Unterrichtsmethoden in anregender Umgebung, die den Schülern ermöglichen, selbständig und auf verschiedenste Weise Informationen zusammenzutragen, auf Zusammenhänge selbständig zu stoßen und diese zu verarbeiten. Dadurch lernen sie, erworbenes Wissen auf andere Gebiete selbständig zu übertragen und selbst wiederum neue Erfahrungen zu machen. Das geht nicht im Frontalunterricht, nicht im ausschließlich lehrerzentrierten Unterricht. Offener Unterricht dezentralisiert und verlagert die Kompetenzen auf Schülerinnen und Schüler.
 

Ganzheitliches Lernen fordert und fördert den ganzen Menschen

Kinder und Jugendliche dürfen nicht eingeschränkt werden auf schulisches Können und Versagen. Werden ihre menschlichen Eigenschaften und ihr persönliches Können einbezogen, fördert das ihr Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein aber ist notwendig, um zu einer Person heranzureifen, die ihr Wissen und Können zum Wohle des Ganzen einsetzt
 

Freie Arbeit fördert demokratisches Denken

Wer immer nur denken und lernen darf, was ihm ein anderer vorgedacht und zum Lernen ausgesucht hat, lernt, sein Denken anderen unterzuordnen; er lernt, sich anzupassen. Eine demokratische Gesellschaft braucht aber Menschen, die fähig und bereit sind, selbständig und kreativ zu denken, ihre eigenen Schlüsse aus dem zu ziehen, was sie gelernt haben und dementsprechend zu handeln. Freie Arbeit und Offener Unterricht bieten die Chance, demokratische Tugenden zu lernen.
 
 

3. Konsequenzen und Forderungen für die Schulpolitik
 


* Freiarbeit und offener Unterricht werden hisher vor allem in den Grundschulen praktiziert. Eine Ausweitung dieser Unterrichtsmethode auf weiterführende Schulen ist möglich und notwendig.

Januar 1995

Forum Bildungspolitik in Bayern

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