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Hospitation des Forum Bildungspolitik im Derksen-Gymnasium München

Besuch auf der "Insel der Glückseligen" ?
Ein persönlicher Eindruck von Regine Köhl

Bei strahlendem Sonnenschein trafen sich 15 Personen aus dem Kreis der Forums Bildungspolitik, um das Derksen-Gymnasium etwas näher kennenzulernen. Zu Beginn führte uns der Geschäftsführer Herr Derksen durch die Schule. Die besondere ästhetisch und funktional stimmige Bauweise, die Verwendung naturnaher Terrakotta-Materialien gab einem das Gefühl von einem Kurzurlaub in Italien. Die Berücksichtigung optimaler akustischer Raumverhältnisse (ein Muss für hörbehinderte Schüler, aber auch ein unschätzbarer Vorteil für alle Lehrenden und Lernenden) , selbstverständliche Barrierefreiheit, angenehme sowie zweckmäßig Beleuchtung ließ erkennen, dass hier jemand Ernst gemacht hat mit der Schaffung einer Lern- und Lebensumwelt zum Wohlfühlen für alle.

Schon beim Rundgang fiel so manche offene Klassenzimmertür auf. Weder Schüler noch Lehrer ließen sich durch unsere neugierigen Blicke aus dem Konzept bringen, sondern arbeiteten ruhig weiter. Im Anschluss an den allgemeinen Rundgang teilten wir uns in zwei Gruppen auf, um in insgesamt drei Klassen einen Kurzeinblick in den Unterricht zu bekommen. Jeweils ca. 10 Minuten hielten wir uns in den Klassenräumen auf . Die Schüler mít Behinderngen in dieser kurzen Zeit auszumachen, fiel uns mit Ausnahme der Rollstuhlfahrer natürlich schwer. Die meisten Behinderungen ( Autismus, Legasthenie, chronische Krankheiten, seelische Krankheiten usw.) stehen eben nicht auf die Stirn geschrieben. Didaktische Raffinessen oder Show-Unterricht wurden uns nicht geboten. Es dominierte Frontalunterricht bzw. die Schüler erledigten selbständig einen Arbeitsauftrag. Hier traut man sich auch den schulischen Alltag zu zeigen - fern von der Präsentation von aufgesetzten Ausnahmestunden. Selbstverständlich gibt es auch hier individualisierte Unterrichtsphasen, Stationen- und Freiarbeit, Projektarbeit und computergestützten Unterricht. In den kleinen Klassen mit maximal 17 Schülern kann jeder Einzelne im Blick behalten werden.

In einem Punkt unterscheidet sich das Derksen allerdings von dem, was gerade pädagogisch "in" ist: Man wendet sich bewusst gegen die Ganztagsschule, um den Schülern Zeit zu geben, sich in ihren Familien aufzuhalten. Das Elternhaus wird als Dreh- und Angelpunkt des schulischen Erfolges gesehen.

Nach einer kleinen Mittagspause hielten uns der zuständige Lehrer für die Schüler mit Behinderungen, der Sozialpädagoge sowie die Schulleiterin einen kurzen Vortrag über ihre Arbeit.

Ca. 40 % der Schüler am Derksen-Gymnasium ( = 120 Schüler) haben eine manifeste Behinderung. Davon macht der Anteil der Schüler mit Legasthenie wiederum fast die Hälfte aus. Die individuelle Berücksichtigung einer Behinderung durch den Nachteilsausgleich kann verschiedene Ausprägungen haben: Zeitzuschlag, Verringerung des Prüfungumfanges, Veränderung der Prüfungsart ( z.B: keine Höraufgaben in Fremdsprachen für Hörbehinderte oder mündliche Prüfung nur in 2-er-Konstellation für Autisten)

Wie differenziert die Modifikation von Prüfungen aussehen kann, zeigte das Beispiel eines Schülers mit schwerer Cerebralprese, der nur über eine von ihm selbst konstruierte Tafel mit Hilfe seine Augenbewegungen mit seiner Umwelt kommunizieren konnte. Er hat das Abitur mit einem Schnitt von 1,3 abgelegt und studiert jetzt Physik.

Der Beitrag des Sozialpädagogen, der sich besonders mit gewaltfreier Kommunikation und Mediation an der Schule beschäftigt, zeigte, dass auch hier Mobbing, Alkohol und Drogen eine Rolle spielen.

In der anschließenden Diskussion mit den Schülern bestätigte sich dieser Eindruck: Auch das Derksen-Gymnasium ist keine "Insel der Glückseligen", aber hier werden die Jugendlichen mit ihren Problemen nicht allein gelassen, sondern pädagogisch begleitet: Menschen sind verschieden, Menschen haben Konflikte miteinander und können sie aber auch miteinander lösen: Das ist der permanente Lehrplan der Schule. Die jährlichen Schullandheimaufenthalte spielen dabei eine zusätzliche Rolle, dass die Jugendlichen sich als gemeinsame Gruppe und nicht als Konkurrenten empfinden.. Im Gespräch mit den Schülern wurde auch die schwierige Phase der Pubertät angesprochen. Hier ist es für die Kinder mit Behinderungen oft besonders schwer in der Peer-group mitzuhalten. Diese problematische Zeit muss aber überall durchgehalten werden und ist im vermeintlichen Schonraum der Sonderschule nicht einfacher. Für Jugendliche mit Behinderungen ist es eine wichtige Erfahrung, dass ihre nichtbehinderten Alterskameraden hier ähnliche Schwierigkeiten haben.

Den Abschluss fand der Tag im Vortrag von Frau Prof. Schöler aus Berlin. Anfangs fasste Frau Schöler ihre Eindrücke zusammen und machte typische Merkmale einer inklusiven Schule am Derksen-Gymnasium aus. Eine angenehme Lernumwelt, der Blick auf den einzelnen Schüler mit seinen individuellen Bedürfnissen, Hilfe von außen für besonderes Knowhow holen und dann das eigene schulische Personal entsprechend fortbilden, "das Leben in die Schule holen" ( Bewußtsein für und Wertschätzung von Vielfalt).

Anschließend setzte Frau Schöler die internationalen Forschungsergebnisse zur Integration/Inklusion in Beziehung zur UN-Konvention, die seit 2009 auch geltendes Recht in Bayern ist. Das Fazit: Gemeinsamer Unterricht ist effektiver und menschlicher als ein auf Selektion und Konkurrenz beruhendes System. Deutschland und Bayern haben die internationale Verpflichtung ihr Schulsystem so umzubauen, dass dem Recht des Kindes auf individuelle Förderung innerhalb der Gemeinschaft seiner Altersgenossen Genüge getan wird. So kann aus jeder Schule eine echte "Förderschule" werden und vielleicht auch ein bisschen die "Insel der Glückseligen".

Weitere Infos:
www.derksen-gym.de
www.bertelsmann-stiftung.de
Der Spiegel: Wie Bremen plötzlich Schule macht
 

Forum Bildungspolitik in Bayern

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